Geschäftsmodell: Das Auto wird Schnittstelle für Dienstleistungen

Sehr interessantes Interview mit Falk Bothe von Volkswagen's Digital Transformation Office über das Auto als Schnittstelle für Dienstleistungen.

Guten Tag Herr Bothe, blicken zum Anfang zurück zu den Ursprüngen: Wie hat die Automobilindustrie unser heutiges Konsumverhalten beeinflusst?Die Bedürfnisse der Kunden haben sich im Laufe der Geschichte weiterentwickelt. Früher haben wir Lebensmittel in einem echten Einkaufskorb eingekauft, inzwischen ist der elektronische Warenkorb selbstverständlich. Alles, was heute verfügbar ist, gibt es durch E-Commerce auf Abruf. Was wir dabei häufig übersehen: Ganz am Anfang dieser Erfindung stand das Fließband – Henry Ford eröffnete die Möglichkeit, Güter wie ein Auto anstatt nur an einen privilegierten Kreis an ein breites Publikum zu verkaufen, allerdings mit wenig Spielraum für individuelle Bedürfnisse. Aber macht die Industrie heutzutage nicht genau das: Die Produkte auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Einzelnen zuschneiden?Ja, heutzutage stimmt das durchaus. Seit der Industrialisierung und der anschließenden Massenproduktion hat sich auf dem Weg hin zur vollständigen Individualisierung von Produkten einiges geändert. Nehmen wir zum Beispiel Nike ID. Verbraucher können ihren Traumschuh online sehr individuell gestalten. Die heutigen Verbraucher erwarten, dass Produkte individualisiert werden; sie wollen, dass sie auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Außerdem haben einige Unternehmen nicht einmal mehr ein physisches Produkt. Schauen wir uns dafür einfach Google an. Wie ist das Unternehmen zu diesem Multi-Millionen-Komplex ohne echtes Produkt geworden? Google richtete seine Algorithmen auf die Optimierung der Informationssuche aus. Darüber hinaus nutzt Google die gewonnenen Daten, um ein völlig neues Werbemodell zu erstellen. Dies ist auch heute noch der Kern des Geschäftsmodells. Aber was hat der Algorithmus von Google nun mit der Automobilindustrie zu tun?Google ist ein Beispiel für die Plattformdenkweise und neue Geschäftsmodelle wie beispielsweise von AirBnB oder UBER. Aufgrund von Googles Vorarbeit war es plötzlich für jeden möglich, sich selbst zu vermarkten und zu monetarisieren. Was dann passierte? Neue Geschäftsmodelle führen in traditionellen Märkten zu einer Disruption – ähnlich wie  es das Auto vor einem Jahrhundert bewirkt hat. Die Analogie liegt also im historischen Vergleich der wirtschaftlichen Relevanz.Stichwort Disruption. Ob nun Google oder Automobilindustrie: Wie zeigt sich diese „Disruption”, was sind typische Merkmale?Einige Einflüsse haben die Automobilindustrie verändert. So sind beispielsweise große Touchscreens, die wir jetzt in neuen Autos sehen, größer als das Lenkrad und ein visueller Indikator für diese Entwicklung. Darüber hinaus erwarten die Verbraucher, dass Produkte multifunktional sind. Ein Auto in der Vergangenheit oder besser gesagt, der traditionelle Gebrauch von Mobilität, war, von A nach B zu gelangen. Aber von dem Moment an, als Steve Jobs das erste iPhone als „Widescreen-iPod, revolutionäres Mobiltelefon, bahnbrechendes Internet- und Kommunikationsgerät” vorstellte, haben die Verbraucher ihre Erwartungshaltung nach oben geschraubt.  Das war ein Wendepunkt. Heute ist der Status quo, dass Produkte über mehrfache Funktionen verfügen – wie der Thermomix, eine Smart Watch oder auch ein Auto. Können Sie erläutern, was Sie in Bezug auf das Auto damit meinen?Autos transportieren nicht nur Menschen und Güter von A nach B, die Menschen erwarten von ihnen, dass sie sich um alles kümmern, was auf diesem Wege passiert. Dies bedeutet eine Vielzahl von Dienstleistungen. Von On-Demand-Kommunikation zu Unterhaltung, Empfehlungen für Sightseeing, Restaurants und vieles mehr. Wir haben erst angefangen zu erforschen, welche Dienste uns das Auto als Plattform oder Schnittstelle erbringen kann. Und wie denken Sie, wird sich das in Zukunft zeigen? Um die Bedürfnisse der Verbraucher wirklich zu verstehen und die richtigen Dienstleistungen zu entwickeln, brauchen wir einen anderen Ansatz als die traditionellen Prozesse der Produktentwicklung in der Automobilindustrie. Steve Jobs hat mit dem iPhone eine Plattform geschaffen, mit der Entwickler Produkte und Dienstleistungen erstellen können. Aber erst mit dem Open-Innovation-Ansatz von Android wurde die Mehrfachnutzung von Produkten rasant ausgebaut. Das Ergebnis ist eine offenen Plattform, durch die es inzwischen Apps für alle erdenklichen Zwecke gibt. Die Smartphone-Nutzer selbst haben begonnen, zusätzlich zu den regulären Möglichkeiten des Geräts neue Funktionalitäten zu finden. Weitere wichtige Entwicklungen: Nach der Lösung komplexer, kreativer Probleme, kümmert sich die Technologie ganz von alleine um komplizierte Produktionsprozesse.Außerdem können durch digitale Möglichkeiten Services ohne eigene Vermögenswerte angeboten oder Produkte in Massenproduktion mit Losgröße eins hergestellt werden. Nike ID ist dafür ein prädestiniertes Beispiel: Komplex war die Frage: Wie können Schuhe individualisiert werden und trotzdem die Skaleneffekte der Massenfertigung genutzt werden? Nachdem das gelöst wurde, hat die Software übernommen und steuert nun eigenständig den Prozess.Dies hört sich allerdings bahnbrechend an. Was muss sich denn bei Volkswagen ändern, um mit diesen Veränderungen Schritt zu halten?Um den Herausforderungen der Verbraucherbedürfnisse, der Nachfrage nach mehrfach verwendbaren Produkten und disruptiven Geschäftsmodellen gerecht zu werden, benötigt die nächste Generation von Volkswagen die richtigen Leute für den Wandel, ein gemeinsames Verständnis der digitalen Transformation und die richtigen technischen Lösungen. In naher Zukunft wird das Auto die Schnittstelle für Dienstleistungen sein, eingebettet in ein Ökosystem, das Technologie, Innovation und Zusammenarbeit verbindet, um Mobilität zur richtigen Zeit für den richtigen Zweck als nahtlosen Teil des täglichen Lebens mit maximaler Individualisierung und Flexibilität zu ermöglichen. Volkswagen ist ein weltweit führender Anbieter für nachhaltige Mobilität – und dies umso mehr mit den richtigen Partnern.

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